„Seit Kopernikus scheint der Mensch auf eine schiefe Ebene gerathen – er rollt immer schneller nunmehr aus dem Mittelpunkte weg – wohin? in’s Nichts? in’s durchbohrende Gefühl seines Nichts.“
— Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral.



Martin Schmidt. Now-Here



Am 11. Februar 2016 veröffentlichten Forscher der LIGO-Kollaboration den ersten direkten Nachweis von Gravitationswellen, einem Phänomen, das zu den letzten bis dahin unbewiesenen Faktoren der einsteinschen Relativitätstheorie gehört. Das Ereignis, auf das die Erfassung zurückzuführen ist, liegt 1,3 Milliarden Jahre zurück: die Verschmelzung zweier schwarzer Löcher. Ihr aufgezeichnetes Echo markiert den Beginn einer neuen Astronomie, die unser Verständnis von der Entwicklung des Universums seit dem Urknall spektakulär erweitern wird. „Ich freue mich“, schreibt Martin Schmidt lakonisch in einer Email vom 11. Februar, „dass heute die Entdeckung der Gravitationswellen bekanntgegeben wurde, die ich 2013 auf meiner Zeichnung ‚Verschmelzung zweier schwarzer Löcher’ dargestellt habe.“

Die Arbeit ist Teil einer Serie großformatiger Bleistift- und Kreidezeichnungen, die der Künstler seit 2011 unter dem Titel „Schwarze Rahmen“ entwickelt. Gravitationswellen, der Planet Mars vom All aus betrachtet, ein Atompilz gehören zu den dargestellten Sujets ebenso wie ein schwindelerregendes Treppenhaus in Münchens Maximilianstraße oder das kleinteilig-ornamentale, antikisch anmutende „Schwandorfer Mosaik“. Die Motive wirken disparat; überraschend und rätselhaft ist ihre Aufnahme in eine kohärente Werkgruppe. Als sei der Künstler angetreten, das Firmament über uns mit dem Boden unter uns in ein Weltbild zu integrieren, werden Frosch- und Vogelperspektive, Mikro-, Meso- und Makrokosmos locker miteinander verknüpft. In was für einer Welt leben wir? In der besten aller möglichen? Was ist es, das die Welt im Innersten zusammenhält? Wie beiläufig stellen sich diese Fragen, Antworten bleiben aus. Nur eins ist sicher: Die Gewissheit der Antike, der Glaube der alten Griechen, denen sich die geordnete Schönheit und Weisheit des Universums als Spiegel und moralische Maxime für ihr eigenes Leben darstellte, ist für den modernen Menschen unwiederbringlich dahin. Der mag sich eher als Nomade verstehen. Unbehaust in dem ihn umgebenden Multiversum. Ausgeliefert einem kosmischen Chaos. Gottfried Benns „Verlorenes Ich“, ohne metaphysischen Halt. Heute scheint es ausgeschlossen, der Beschaffenheit der Welt einen kategorischen Imperativ abzuringen. Oder doch so gut wie.

In Gestalt von Papst Franziskus hat die katholische Kirche das Jahr 2016 zum „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen. Für die Rummelsberger Diakonie in Bayern hatte Martin Schmidt bereits 2010 eine Gruppe von Bleistiftzeichnungen zum Thema angefertigt, „7 Werke“: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Gefangene besuchen, Kranke heilen, Nackte bekleiden, Tote begraben. Die Perspektive, die er hier einnimmt, ist scheinbar eine alltägliche, entmystifizierte, prosaische. Er zeichnet gestapelte Getränkekisten, ein Klappbett, einen schlichten Trenchcoat. Allein die aufgetischten Speisen sehen verdächtig nach Gourmetmenü aus, mit einer weißen Lilie im Wasserglas. Ausgeführt in akribischer Manier, entziehen sich die Bilder jeglichem Versuch von Verklärung. Und doch: die überlebensgroßen Motive eignet sich der Künstler in intensiven, langwierigen Prozessen an, als sei das Ritual des Zeichnens ein notwendiger Akt der Kontemplation, der den barmherzigen Taten vorausgeht. Im Grunde ist sein Blick der eines Patienten, der selbst an den Zumutungen einer Welt leidet, mit deren Nöten er sich identifiziert. „Kranke heilen“ zeigt von unten das Raster einer aseptischen Operationssaaldecke und das Weiß von mehreren OP-Leuchten, deren Kaltlicht gnadenlos strahlt. Erlösung wird hier nicht gewährt. Wie ein Gegenentwurf zum Tugendkanon christlicher Nächstenliebe liest sich dann auch die Atombombenexplosion „Test“ aus der Reihe „Schwarze Rahmen“. In der Ausstellung „Die sieben Todsünden“ ist die Arbeit 2016 im Diözesanmuseum Augsburg zu sehen.

Wollte man Martin Schmidts Bilderzyklen in den Zusammenhang imaginärer Wahlverwandtschaften rücken, dann etwa in die Nähe von Robert Longos monumentalen Kohlezeichnungen, die das Thema endzeitlicher Bedrohung mit Atompilzen, Flutwellen und Planetensystemen in ein samtenes Tiefschwarz übertragen, in dem der Mensch ausgespart bleibt. Die Ambivalenz von Schrecken und Schönheit prädestiniert sie zum Memento mori. Weit davon entfernt, moralische Predigt zu sein, verbirgt sich hinter diesen auratisch aufgeladenen Werken eine politische Einstellung, die Martin Schmidts gesellschaftskritischer Haltung ähnlich ist. Auch wenn Pathos und Fatalismus nicht seine Sache sind. Dagegen imprägniert ihn eine feine Art von Humor. Ein Witz, der sich beispielsweise zeigt, wenn er die altmeisterlich mit Kreide und Rötel ausgeführten, zwei Meter großen Kopien von Zeichnungen Raffaels und Michelangelos, die er 1997 während eines Stipendiums in Florenz anfertigte, „Richtige Kunst“ nennt. Es ist der erste Exkurs ins Medium der Zeichnung, den er für sich anerkennt. Seit einigen Jahren erweitern zudem gegrabene Skulpturen sein Œuvre: „Bellavista“ (2012) in der kalifornischen Landschaft südlich von San Francisco etwa oder das „Kraterfeld“ (2014) auf dem Münchner Marienhof zum hundertsten Jahrestag des Ersten Weltkriegs. Unabhängig von Anlass und Umfeld manifestiert sich in ihnen der mühsame, kräftezehrende Prozess ihrer Entstehung, den der Künstler eigenhändig vornimmt. Ähnlich den Zeichnungen sind die Grabungen Resultat veritabler Sisyphusarbeit, Ausdruck geduldiger Selbstkasteiung, die wesentlich dazu beiträgt, dass der gestaltete Raum einen gleichsam sakralen Charakter erhält. Ein Weiteres tun Wind und Wetter, denen die Werke ausgesetzt sind. Die Vergänglichkeit der Grabungen steht dem Betrachter wie ein Vanitas-Motiv unausweichlich vor Augen. Die Reibung von Auratischem und Banalem, von Historie und Alltag, öffentlicher und privater Erinnerungskultur ist charakteristisch für Schmidts künstlerisches Verfahren und insofern im besten Sinne verunsichernd, als die Eindeutigkeit eines Entweder-Oder entschieden unterlaufen wird. Perspektivwechsel sind kalkuliert, Irritation ist Programm, auch in den kleineren Objektarbeiten. Seine weißen Blumenvasen beispielsweise, realisiert vom Bamberger Keramiker Georg Döppmann, lassen sich im Rahmen einer Ausstellung im Künstlerhaus Schwandorf als jene Gemütlichkeits-Accessoires identifizieren, die mit Wildblumen vor Gartenfenster zum Sinnbild der Idylle taugen. Erst auf den zweiten Blick entpuppt sich das Ensemble als Modellversion eines Kernkraftwerks mit Kühlturm und Reaktorkuppel. 2016 – dreißig Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, fünf Jahre nach Fukushima und mitten in der heißen Debatte um die Energiewende in Deutschland – zielt das „AKW“ (2010) auf die Erschütterung solipsistischer Wohlfühlmentalität. Und kommt doch zunächst ganz unverfänglich daher.

Überhaupt ist es die Anmutung von Harmlosigkeit, die den Arbeiten des Künstlers oft wie unter einer Tarnkappe den Weg ins Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit bahnt, um schließlich nachhaltig zu verstören. Für das Kunstfestival „Pasing by“ hat Martin Schmidt 2015 eines jener braun-weißen Schilder entworfen, die regelmäßig an Autobahnen auf bekannte Sehenswürdigkeiten hinweisen. Sein Exemplar, platziert an der Nordumgehungsstraße München-Pasing, markiert die „Pasinger Innenstadt“, die man womöglich übersehen könnte, hätte Schmidt nicht auf dem Schild die Silhouetten von Pfarrkirche, Bahnhofsplatz und Rathaus stilisiert – und über allem thronend das grafische Muster der Arcaden-Fassade, des großen Einkaufszentrums. Dass hier das austauschbare Design eines Shopping-Centers zum Signet der traditionsbewussten Stadtgemeinde mutiert, hat die Einzelhändler nicht daran gehindert, die Vervielfältigung des Schildes in die Wege zu leiten, um es in ihre Schaufenster zu stellen. Dekorative Werbung für die Konkurrenz.

„Pasing Innenstadt“ reiht sich nahtlos in den Kontext jener Arbeiten des Künstlers ein, die sich kritisch mit Stadtplanung, Architektur, Tourismus auseinandersetzen. Wie die gipsernen „Souvenir“-Modelle, für die er während seines Villa-Massimo-Stipendiums 2004 römische Meisterwerke der Baukunst auf ein 40-Zentimeter-Maß zusammengestaucht hat. Zugleich aber könnte man bei der Pasing-Intervention sprichwörtlich an einen Schild-Bürgerstreich denken. Konkret sogar an jene Erzählung, in der die Einwohner der Stadt Schilda versuchen, das Rathaus zu verschieben. Die gewünschte Stelle markieren sie mit einer Jacke, und als die von einem Landstreicher entwendet wird, glaubt man, das Rathaus zu weit geschoben zu haben. Von fundamentaler Orientierungslosigkeit und heiterer Naivität ist hier die Rede und von der Macht der Imagination, mit der Martin Schmidt grundsätzlich sein Spiel treibt. Sie scheint die Antwort zu sein auf die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält. Mag der moderne Mensch aus dem Mittelpunkt hinweg ins Nirgendwo verrückt sein. Das Nichts, das ihn bedroht, kann den Künstler nicht schrecken. Auf einen Streich ist er in der Lage, ein Nowhere in ein Now-Here zu verwandeln.

Kristina Tieke, 2017