ARBEITEN AM REVERS DER GESCHICHTE

Martin Schmidt im Gespräch mit Bernhart Schwenk


Für Pier Paolo Pasolini spiegelt die Architektur Roms den Zustand einer ganzen Gesellschaft wider. In "Mamma Roma" (1962) stehen die modernen Wohnblocks zwischen den antiken Ruinen für Hoffnungen auf Neues. Sie stehen aber auch für Enttäuschungen in einer Welt, deren Strukturen durch eine jahrhundertealte Geschichte vorbestimmt wurden. Wie empfinden Sie Rom heute? Stellt die Geschichte dieser Stadt auch eine Belastung dar?

Rom hat dieselben Schwierigkeiten, mit denen alle historisch wertvollen Orte zu kämpfen haben. Als einer der Urplätze der westlichen Kultur hat die Stadt eine fast museale Bedeutung. Die Zeugnisse des römischen Imperiums zeigen eindrucksvoll Aufstieg und Niedergang einer Weltmacht. Aber auch der wachsende Machtanspruch der katholischen Kirche hat seit der Spätantike seine Spuren hinterlassen. Mit der Einigung Italiens 1861 und der Ernennung Roms zur Hauptstadt kamen dann die Verwaltungsgebäude und nationalen Denkmäler der neuen Staatsregierung dazu. So ist Rom ein Freilichtmuseum unterschiedlichster Epochen geworden. In der Innenstadt herrscht der Denkmalschutz. Dieses bewahrende Denken färbt natürlich auch auf die Bevölkerung ab. Wer wirklich Neues will, muss schon seit längerem in die Peripherie ziehen. Im Ring der Trabantenstädte, der die Innenstadt umgibt, wohnen immer mehr junge Künstler und Architekten, auch weil dort die Mieten noch erschwinglich sind. Diese Entwicklung ist in Deutschland nicht unbekannt, doch sind die Gegensätze in Rom krasser. Geschichte deshalb als Belastung anzusehen, halte ich für übertrieben, aber man muss sehr weit gehen, wenn man etwas Zeitgenössisches finden will.


Was macht eine Stadt, in der sich die unterschiedlichen historischen Epochen über- und nebeneinander ablagern, mit den Menschen, die in ihr leben?

Zu viel Geschichte kann lähmen. Und nicht nur den Entwicklungsdrang. So kann man das Tiefbauamt der Stadt Rom durchaus als Unterabteilung des Denkmalamtes sehen. Die Planung eines neuen Tunnels in der Stadt ist der Schrecken eines jeden Ingenieurs. Mit Sicherheit trifft man nach kurzer Zeit auf ein gut erhaltenes antikes Gebäude (siehe den Metro-Bau in Fellinis "Roma"). So haben die Römer kein großes Bedürfnis nach Veränderungen, denn man stößt sofort auf Schwierigkeiten. Wer sich dem nicht beugen will, sollte Rom verlassen, oder er beginnt die Stadt zu hassen. Mit Neid sieht man auf die Zeit zurück, in der Mussolini seine Aufmarschstraße Via dei Fori Imperiali quer durch die Ruinen des Forum Romanum bauen ließ.


Im Unterschied zu Rom ist München eine kriegszerstörte Stadt, die allerdings in weiten Teilen wieder historisch aufgebaut wurde. Hat das nicht auch Auswirkungen auf das Verständnis von Geschichte?

Zwischen Rom und München liegen 2000 Jahre. Die Römer sind sich seit Generationen der Bedeutung ihrer Stadt bewusst. München wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg schöner, seit es, als einzige deutsche Großstadt, eine historisch - rekonstruierte Innenstadt erhielt. Der Bewahrungswahn des Wiederaufbaus lässt die Türme des Münchener Doms zum Maß aller Dinge werden. In Rom herrscht der Zwang der Geschichte, in München ist sie ein selbst gewähltes Korsett, darin sehe ich den Unterschied im Geschichtsverständnis der jeweiligen Bewohner.


Architektur spielt auch in Ihren Arbeiten eine zentrale Rolle ...

Architektur ist, seit meinem „Opus 1 (Rohbau)“, der wichtigste Leitfaden durch meine Arbeit. Es geht dabei nicht um Baustile oder Architekten, sondern um Lebensformen, um die Frage, wie der Mensch sein Umfeld gestaltet. Im Laufe der Jahrtausende entstanden unterschiedlichste Wohnformen, in der sich die jeweilige Gesellschaft spiegelt.


Nach welchen Gesichtspunkten suchen Sie sich Ihre Objekte der Auseinandersetzung aus? Interessiert Sie nur besonders gelungene Architektur?

Im Gegenteil. Die meisten meiner bisherigen Arbeiten beschäftigen sich mit gescheiterten Utopien und hilflosen Zweckbauten. Nur bei den „Souvenir"-Modellen geht es ausnahmsweise auch um wirkliche Meisterwerke und beeindruckende Architektur: das Pantheon, den Palazzo della Civiltà, den Turm von Stazione Termini. Allerdings wird der Eindruck des ‚Bedeutenden' wieder klein gehalten und ‚schlecht und billig' dargestellt.


Eine billige Darstellung des Bedeutenden? Aus welchem Grund? Angst vor Hierarchien?

Vielleicht, weil die Qualität in der unsäglichen Masse untergeht. Vielleicht auch, weil ich meine Ergriffenheit nicht zugeben will. Unter den „Souvenirs“ gibt es übrigens auch nachempfundene Bauprojekte, zum Beispiel die Stadtautobahn Tangenziale Est und freie Objekte zum Thema Borromini und biomorphe Architektur (Zaha Hadid, Frank Stella, Coop Himmelblau etc.) Es geht um Bauten und Bauformen, die mich in diesem Jahr interessiert oder beeindruckt haben. Die Modelle decken auch diverse Baustile (Antike, Barock, 1920er, Faschismus, 1960/70er, Jetztzeit und Zukunft) ab. Ideengeber waren die kleinen zahnersatzfarbenen Plastikmodelle, die es hier überall in Souvenirshops zu kaufen gibt. Sie haben eine Größe bis 40 cm und sind aus Styropor mit Gips bestrichen. Teilweise sind sie noch in unfertigem Zustand, um die Perfektion des Handwerks im Hintergrund zu lassen. Später sollen sie vielleicht in Alu gegossen werden.


Bei den „Souvenirs“ geht es auch um die Vereinnahmung von Geschichte durch die Tourismus-Industrie und die Touristen selber. Werfen Ihre Arbeiten damit auch sozialkritische Fragen auf?

Mein in Rom entwickeltes Brunnenprojekt „Fontana Fai da Te“ ist, wie viele meiner Arbeiten, ganz sicher eine Art sozialer Kommentar. Angeregt durch landesübliche Bräuche und Gepflogenheiten verwende ich vertraute Bilder und Formen in einer ganz anderen Situation und unüblichen Zusammenstellung. Bei der „Fontana“ werden vorgefertigte Betonbauteile und Figuren benutzt, die sonst private Gärten und Terrassen schmücken sollen. Damit versucht man, dem eigenen Heim ein wenig vom Glanz der herrschaftlichen barocken Gärten zu verleihen. In meiner Komposition verschiedener Elemente entsteht also eine Art „Barockbrunnen", für die die Stadt Rom berühmt ist. Ich hatte ursprünglich vor, sie auf einem öffentlichen Platz zu installieren. Leider hat das nicht geklappt. Trotz der minderwertigen Qualität des massenproduzierten Materials hätten die Figuren das Gefühl eines angeblich besseren Zeitalters vermittelt. Der Wunsch, in die „gute alte Zeit“ zu flüchten, veranlasst übrigens auch in Deutschland Kommunen dazu, ihre Innenstädte mit Rekonstruktionen auszuschmücken, die Identifikation stiften sollen. Leider können diese Rekonstruktionen das Original nicht ersetzen. Sie vermitteln etwas anderes – manchmal sogar unfreiwillig Komisches. Das wiederum inspiriert mich.


Sich mit unterschiedlichen Architekturepochen zu beschäftigen und ihre jeweiligen Ausdrucksformen zu analysieren, ist auch eine besondere Form der Zeiterfahrung. Hat sich Ihr künstlerisches Verständnis von Zeit in Rom verändert?

Für mich, der ich bisher statische Bilder geschaffen habe, die höchstens in der Installation im Raum eine Art Dramaturgie und erzählerische Abfolge beinhalten, ist Zeit ein recht unbekannter Faktor. Zwar werden meine Installationen oft mit Bühnenbildern verglichen, die die Voraussetzung zu bewegten Szenen darstellen können, doch habe ich mich nie mit Bewegung, schneller Bildfolge, Anfang und Ende eines Geschehens beschäftigt. Insofern war die Zeit in Rom und die Begegnung mit dem Filmemacher Christoph Girardet, der dort zur selben Zeit wie ich lebte, eine gute Gelegenheit für die Beschäftigung mit einem für mich neuen Medium: dem Film. In der Zusammenarbeit ging es mir zunächst darum, die unterschiedlichen Möglichkeiten des Films, mit Zeit umzugehen, auszuloten: Kameraführung, Schnitt, Dramaturgie.


In der römischen Zeit entstand dann eine Reihe von kurzen Filmen. Gibt es bei der Arbeit mit diesem Medium eine Verbindung zu Ihrer bisherigen plastischen Arbeit?

Mit meinen Videoarbeiten habe ich versucht, von meinen Installationen unabhängig zu bleiben. Sie sollen keine bewegte Fortsetzung der bisherigen Projekte sein. Der Film bietet andere Möglichkeiten als die Installation: Bewegung, Licht, Erzählung, das ist alles in der Raumarbeit möglich. Aber einen Film rückwärts laufen zu lassen, einen Raum durch schnelle Kamerabewegung abstrakt werden zu lassen, dieses Spiel mit den Möglichkeiten fasziniert mich am bewegten Bild. Was bleibt, ist die Beobachtung und das Übernehmen realer Bilder, ohne dokumentarisch zu sein. Der Nachteil am Film ist die fehlende physische Präsenz. In diesem Punkt werde ich wohl Bildhauer bleiben.


Bevor Sie wieder nach Deutschland zurückgehen, illuminieren Sie den Eingang der Villa Massimo ...

Die Vorbilder für die Lichtinstallation „Sagra“ sind die in Italien weit verbreiteten Dekorationen für religiöse und profane Volksfeste. Ob bei der Kirchweih oder dem Schwertfischfest – stets wird der ganze Ort mit Lichterketten geschmückt, ein Schmuck, der in Deutschland nur in der Weihnachtszeit bekannt ist. Für die Jahresabschlussveranstaltung der Villa Massimo wollte ich dieser deutschen Kulturinstitution ein leuchtendes Zeichen für ihre vielfältigen Feste widmen – und der majestätischen Residenz eine volkstümliche Blume ans Revers stecken.


Das Gespräch beruht auf einer E-Mail-Korrespondenz zwischen München und Rom im November und Dezember 2004.